Triebe

Unsere Gedanken und Emotionen befinden sich ganz an der Oberfläche. Wer wirklich wissen will, was wahr ist, muss sich mit etwas tieferem befassen, mit dem Antrieb. Was treibt einen ständig an? Was führt dazu, dass ich dies oder jenes mache oder denke? Tief im Unbewussten verborgen liegen unsere Triebe, die bringen wir schon mit auf die Welt. Sie sind genetisch bedingt und da jedes Lebewesen überleben will, ist der Überlebenstrieb der wichtigste.

Wer ständig Angst um sich selbst hat, wird vom Überlebenstrieb gesteuert. Das ist nichts, was man sich wegdenken kann oder wegreden kann oder wegtrainieren kann. Jeder Mensch wird von irgendwas getrieben und das ist immer die Suche danach, wie es sich besser anfühlt. Wir sind emotionale Wesen und richten uns dadurch überwiegend nach dem Fühlen und Befinden. Das bedeutet, wir richten uns danach, wie es dem Körper geht. Die gesamte menschliche Existenz ist darauf ausgerichtet.

In der Bibel heißt es bereits: "Wer dem Fleisch (Körper) folgt, wird verloren sein, wer dem Geist folgt, wird ewig leben". Das ständige Ausgerichtetsein auf das Befinden und auf den Körper führt notgedrungen ins Elend, denn der Körper wird garantiert verfallen und sterben. Das kann man auch nicht einfach so abstellen, denn es ist biologisch bedingt.

Ein weiterer Hinweis in der Bibel: Gott schuf Adam aus Erde und hauchte ihm seinen Geist ein. Und er sagte: "Macht euch die Erde untertan." Das ist natürlich symbolisch gemeint. Der Körper besteht aus den Elementen der Erde - aus Wasser, Mineralstoffen und Sauerstoff. Der Körper kommt von den Eltern, es ist ein biologischer Vorgang, ein Baby zu zeugen und es auszutragen und auf die Welt zu bringen. Alles Biologische gehört zur Erde. Aber was ist der Geist? Was ist das Geistige? Was bedeutet es, dem Geist zu folgen? Das ist die Suche nach der inneren Wahrheit. Sich die Erde untertan zu machen bedeutet nicht, den Planeten zu zerstören oder die Pflanzen und Tiere zu versklaven, sondern über das Irdische hinauszuwachsen, das Irdische zu überwinden. Das bedeutet letztlich, die Biologie zu überwinden.

Wer ständig damit beschäftigt ist, wie es dem Körper geht und wie er sich besser fühlt, versucht, die Biologie zu ändern. Aber die Biologie folgt bestimmten Gesetzen und die Naturgesetze kann niemand außer Kraft setzen. Wie wir uns fühlen ist ein Ergebnis von Hormonen, Neurotransmittern und Botenstoffen, von der Zusammensetzung des Cocktails im Gehirn. Jeder hat schon einmal gehört, dass es Glückshormone und Stresshormone gibt. Wir haben auf diese Dinge keinen willentlichen Einfluss. Unser Befinden ist von so vielen Faktoren abhängig, dass unser Verstand nicht in der Lage ist, das zu kontrollieren. Da spielen die Umwelteinflüsse mit, das Wetter, die Gedanken, das Essen, der Stress, die Beeinflussung der Stimmung durch andere usw. usw. Es ist vergeblich, das ändern oder kontrollieren zu wollen. Über das Biologische hinauszuwachsen bedeutet etwas anderes.

Der Berliner Psychologe und spirituelle Lehrer Christian Meyer sagt dazu:

Sich gut fühlen und die Suche nach Wahrheit

Die Biologie des Menschen ist so beschaffen, dass wenn der Mensch etwas tut, mit dem er sich besser fühlt, dann werden zusätzlich Hormone ausgeschüttet, die ihn dafür belohnen und das Wohlgefühl verstärken. Das ist ein doppeltes inneres System, was dazu führte, dass die Menschen abends in der Höhle zusammenblieben, denn das fühlte sich doppelt gut an. Auf diese Weise funktioniert unser Überleben in der Welt noch heute.

Die innere Wahrheitssuche ist jedoch darauf gerichtet, dieses Überlebenssystem ausser Kraft zu setzen und sich nicht mehr daran zu orientieren. Das bewirkt eine Transzendenz unserer biologischen Ausstattung und auch die Transzendenz von mir als Person. Wenn es mir darum geht, dass ich mich gut fühle, dann ist das etwas, was auf mich als Person bezogen ist. Wenn ich jedoch dem Aufwachen Raum geben möchte, dann spielt die eigene Person keine Rolle mehr.
Das Aufwachen bedeutet das Ende der Ich-Perspektive, die auch ein Mir-soll-es-gut-und-immer-besser-gehen beeinhaltet.

Das Aufwachen ist also ein Hinauswachsen über die biologischen Triebe und damit über die Biologie überhaupt. Die Angst kommt aus dem Überlebenstrieb, wenn man Angst um seinen Körper hat. Aber der Körper bist Du nicht. Die Angst kommt aus dem Sozialtrieb, wenn man immer Angst vor dem Alleinsein hat. Es gibt noch den Machttrieb (der unbedingte Wunsch nach Kontrolle), den Geltungstrieb (die Angst, nichts wert zu sein) und den Sexualtrieb. Die Triebe dienen allesamt dem Überleben und trotzdem gibt es kein Lebewesen, den Menschen eingeschlossen, das überleben wird.

Wenn Du wissen möchtest, was wirklich ist und was Du wirklich bist, dann geht der Weg in die Tiefe, der inneren Wahrheit folgend über die Biologie hinaus. Der Weg führt ins Erwachen aus dem Gedankentraum des Verstands.


Wahrheit

Die Wahrheit befreit, auch von der Angst. Aber die Wahrheit will niemand wissen, sondern jeder möchte nur sehen, was er will. So kommt es, dass wir in Wahrnehmungen leben, d.h. wir nehmen etwas für wahr, was aber nicht wahr ist.


Das beste Beispiel ist ein Regenbogen, den kann man sehen, scheinbar gibt es ihn, aber eigentlich gibt es ihn nicht, denn niemals wird irgendjemand einen Regenbogen zu fassen bekommen. Er existiert nur scheinbar, er ist eine Reflektion von Licht. Ebenso das Mondlicht. Scheinbar gibt es das Mondlicht, aber in Wirklichkeit gibt es natürlich kein Mondlicht, denn der Mond scheint nicht, er reflektiert das Licht der Sonne. Was wir sehen, sind optische Täuschungen wie eine Fata Morgana.


Das Zusammenspiel von Sinnesreizen, Verarbeitung im Gehirn und Erinnerungen zusammen mit Empfindungen und Emotionen und Gefühlen sind der Stoff, aus dem unser Verstand eine gigantische optische Täuschung bastelt, die wir dann unser Leben nennen. Mittelpunkt all dieser Täuschungen ist das Ich, auch das ist nur eine Täuschung. Mit dem Ich ist es wie mit dem Regenbogen - scheinbar existiert es, aber sobald man sich auf die Suche nach dem Ich macht, weicht es zurück, man bekommt es nicht zu fassen. Sobald man es greifen will, greift man ins Leere.


Wer will sich schon mit etwas Leerem befassen? Jeder hält sich fest an dem, was greifbar ist. Jeder Mensch glaubt, diese Person zu sein, sie wird greifbar durch den Körper. So glauben fast alle Menschen, das Ich ist etwas, das im Körper steckt und zu den Augen herausschaut. Das ist die größte Täuschung überhaupt, an der alle anderen Täuschungen hängen. Jeder, der Angst hat, fragt: Was muss ICH machen, damit die Angst verschwindet? Es gibt 1000 Möglichkeiten und Techniken, die man angeblich anwenden kann, die aber am Ende doch nicht wirklich helfen.


Die Angst ist nicht das Problem, das Problem ist das Ich. Anstatt sich jahre- oder jahrzehntelang damit zu befassen, wie die Angst verschwindet, könnte man die Frage auch mal umdrehen und anstatt zu fragen: "Wie geht die Angst weg, was muss ich machen oder wissen?" einmal fragen: "Gibt es denjenigen, der etwas machen oder wissen will überhaupt?"


Genauso ist meine Angst verschwunden. Ich bin nicht die Angst losgeworden, sondern ich habe erfahren, dass es das Ich nicht gibt, dass die Person, die ich bin, gar nicht existiert, sondern nur eine Täuschung meines Verstands ist.


Jeder kennt den Satz: "Nimm's nicht persönlich". Wenn Angst, Leiden oder Schmerz entsteht, dann leide ich, weil ich glaube, das ist meine Angst, mein Leiden oder mein Schmerz. Dann sollen Angst, Leiden, Schmerz möglichst schnell verschwinden. Wenn ein anderer Angst hat, Leiden oder Schmerz, der mich nichts angeht, der nicht zu mir persönlich gehört, sondern mir total fremd ist, dann sind mir Angst, Leiden und Schmerz egal. Es ist ja nicht meins. Wenn Angst, Leiden und Schmerz das Problem wären, dann müsste mich jede Angst, jedes Leiden und jeder Schmerz zur Verzweiflung treiben. Aber es liegt daran, dass es meins ist, wenn ich leide. Es liegt am Ich, an dem, was ich glaube, was mir gehört. Ich bin dann der Besitzer von Angst, Leiden oder Schmerz, so wie ich auch glaube, der Besitzer des Körpers zu sein, der Wahrnehmungen und der Gedanken oder Gefühle oder sogar der Besitzer des Lebens. So sagen wir ja auch ständig: Mein Körper, meine Gedanken, meine Gefühle, mein Leben, meine Gesundheit und sobald es etwas gibt, was mir scheinbar gehört, ist auch die Angst da, das, was ich besitze, zu verlieren.


Wenn es keinen Besitzer von Angst, Leiden oder Schmerz mehr gibt, gibt es auch keinen Leider mehr, selbst dann nicht, wenn Leiden da ist. Angst, Leiden und Schmerz gehören zum Leben dazu, es ist nicht möglich, sie loszuwerden. Es ist aber möglich, den Besitzer von Angst, Leiden und Schmerz loszuwerden, weil er nur eine Täuschung ist. Wenn das wirklich erkannt wird, spielt es keine Rolle mehr, ob Angst da ist oder nicht, es spielt keine Rolle mehr, ob Gesundheit da ist oder nicht, es spielt keine Rolle mehr, ob gute Gedanken oder gute Gefühle da sind oder nicht. Dieses Unterschiedemachen hört auf, weil es keinen mehr gibt, den diese Unterschiede interessieren. Es gibt kein persönliches Ich, es gibt nur das Leben.


Das persönliche Ich ist nur ein Standpunkt, nur eine innere Haltung, die man durchschauen und aufgeben kann. Es ist nur ein Glaubenssatz, wenn auch der am tiefsten verankerte.